Besonders die junge Generation ist von Arbeitslosigkeit und Kürzungen betroffen, und ihre Zahl wächst von Tag zu Tag. Nicht selten sind es die Eltern, die die jungen Menschen dazu ermuntern, nach Deutschland zu gehen, um dort Geld zu verdienen. Sie erinnern sich an eine Zeit, in der sie selbst in dem in ihren Augen sehr viel besser organisierten Land gearbeitet haben, und sie erzählen ihren Kindern von der Freundlichkeit der Deutschen, deren Sinn für Ordnung und gute Organisation. Mit jedem Tag wächst die Hoffnungslosigkeit in Griechenland, kaum ein junger Mensch glaubt wirklich, irgendwann noch einmal eine Arbeit zu finden - und der Wunsch, nach Deutschland zu gehen, wächst fast ebenso stetig an, wie die Arbeitslosenzahlen.
Dimitra (der Name wurde gemäß dem Wunsch der jungen Frau geändert), eine der jungen Griechinnen, die ihr Auswandern nach Deutschland vorbereiten, war so nett, einige Fragen zu beantworten. Normalerweise ist Dimitra nicht unbedingt der gesprächige Typ, als ihr jedoch gesagt wurde, dass das Gespräch in einem deutschsprachigen Blog veröffentlicht würde, war sie gerne bereit, sich über ihre persönliche Situation zu äußern. Sie begründete das damit, dass sie sicher sei, die Deutschen würden sich nicht allzu sehr freuen, wenn nun eine Einwanderungswelle aus Griechenland in ihr Land käme, also wolle sie eine Begründung , besser vielleicht, eine Rechtfertigung abgeben für ihr Handeln und das vieler ihrer Landsleute.
Hier das Gespräch:
Ellas: Dimitra, wie alt bist du?
Dimitra: Ich bin 32 Jahre alt.
Ellas: Ich sehe einen Ehering an deinem Finger, bist du schon lange verheiratet?
Dimitra: Nein, erst seit September 2011.
Ellas: Dimitra, du möchtest nach Deutschland gehen. Warum?
Dimitra: Mein Mann ist schon länger arbeitslos, und weil er keine Chance hat, hier etwas zu finden, ist er schon vor fünf Wochen nach Deutschland gegangen. Sein Cousin dort wird ihm dabei helfen, einen Job zu finden.
Ellas: Was macht dein Mann beruflich?
Dimitra: Er ist LKW-Fahrer, hat aber auch einen Führerschein für Gabelstapler, Bagger und Bulldozer.
Ellas: Und es gibt hier tatsächlich keine Arbeit für ihn?
Dimitra: Nein. Er hat mit jemandem zusammengearbeitet, die beiden hatten in erster Linie Aufträge von den umliegenden Gemeinden, kleine Projekte beim Ausbessern von Straßen und so. Seit nun fast einem Jahr haben die Gemeinden zwar Aufträge gegeben, aber nicht bezahlt – und jetzt sind mein Mann und sein Partner nicht nur pleite, sondern auch noch verschuldet.
Ellas: Verstehe ich das richtig, dass die Gemeinden deinem Mann und seinem Partner Geld schulden?
Dimitra (lächelt): Ja, das verstehst du richtig, ein bisschen über 100.000 Euro. Und weil sie kein Geld hatten, um Versicherungen, Steuern, Diesel und Wartung für die Maschinen zu bezahlen, haben sie Schulden bei der Bank aufgenommen, die sie jetzt aber nicht mehr so leicht zurückzahlen können.
Ellas: Warum klagen sie das Geld denn nicht ein?
Dimitra: Das hier ist nicht Deutschland, hier laufen die Dinge ein bisschen anders. Erst mal braucht man das Geld für einen Anwalt, ohne den geht gar nichts. Dann braucht man viel Zeit, denn so schnell geht das hier nicht mit einem Gerichtstermin, manchmal muss man über ein Jahr darauf warten. Und eine Chance zu gewinnen hat man auch nicht, denn wenn die Gemeinde sagt, sie hat kein Geld, dann ist das Thema damit beendet. Man hat ganz einfach keine Chance, gegen die Gemeinde zu gewinnen, auch wenn man im Recht ist. Dann trägt man auch noch die Gerichtskosten und hat nicht davon gehabt, also gibt man besser auf, bevor man mit dem Ganzen überhaupt anfängt.
Ellas: Besteht eine Chance, dass die Gemeinde von sich aus ihre Schulden bezahlt?
Dimitra: Ich kann dir einige Namen von Leuten nennen, die seit vielen Jahren schon auf ihr Geld warten, wenn die Gemeinde nicht sofort bezahlt, dann bekommt man das Geld nie. Die ziehen das manchmal bis zu den nächsten Wahlen raus, und die Neuen sagen dann einfach, das gehe sie nichts an, das seien Schulden von ihren Vorgängern, sie hätten jetzt ganz andere Sorgen. Also, mein Mann und sein Partner sind da nicht die einzigen in Griechenland.
Ellas: Und wann planst du, nach Deutschland zu gehen?
Dimitra: So bald wie möglich, eigentlich bin ich nur noch hier, weil ich einen Job habe. Ich bin Kindergärtnerin, habe aber keine Aussicht mehr auf irgendeine Anstellung. Momentan arbeite ich in einem Shop, und die haben bis jetzt auch nicht schlecht bezahlt, aber die neuen Lohnkürzungen im Privatsektor kosten mich fast 300 Euro im Monat. Ich arbeite von Montag bis Freitag in Schicht, über 40 Stunden in der Woche, Urlaub und frei gibt es bei uns nicht, und dafür sind unter 900 Euro im Monat schon sehr wenig. Auf die nächsten Kürzungen werden wir auch nicht lange warten müssen, die sind schon geplant. Das Benzingeld zur Arbeitsstelle kostet mich jeden Monat mehr, also, ich denke, dass ich spätestens im Sommer zu meinem Mann gehen werde. Er fehlt mir ja auch sehr.
Ellas: Du bist 32 Jahre alt, also schon lange mit dem Studium fertig. Hast du schon mal als Kindergärtnerin gearbeitet?
Dimitra: Ja, im Schuljahr 2010/2011. Aber bezahlt wurde ich dafür erst im Januar dieses Jahres.
Ellas: Moment, verstehe ich das richtig? Du hast die ganze Zeit über kein monatliches Gehalt bekommen?
Dimitra: Das ist richtig. Es ist so, dass uns gesagt wurde, wir seien ja noch nicht in den Beamtenstatus übernommen, also hätten wir zu warten, bis Geld da sei.
Ellas: Und warum hast du denen dann den Kram nicht einfach hingeschmissen und bist gegangen?
Dimitra: Irgendwie hofft man halt, dass im nächsten Monat mal was bezahlt wird. Mein Mann und sein Partner haben auch nur deshalb immer und immer wieder Aufträge von den Gemeinden angenommen, die Hoffung darauf, dass die doch irgendwann bezahlen, hält einen aufrecht.
Ellas: Sprichst du eigentlich Deutsch, Dimitra?
Dimitra: Ich nehme gerade Unterricht und nutze jede freie Minute zum Lernen. Ich will in Deutschland ja eine Arbeit finden, also muss ich so viel lernen, wie ich schaffe. Deutsch ist auch nicht einfach, aber meine Lehrerin ist Deutsche, sie hat Methode und Didaktik studiert und unterrichtet echt interessant, also, ich lerne von ihr die richtige Aussprache und auch viel über Geschichte, Kultur, das tägliche Leben und so.
Ellas: Gehst du gern nach Deutschland oder ist das ein Muss für dich?
Dimitra: Ich freue mich auf Deutschland, nicht nur wegen meines Mannes. Mehrere Verwandte von mir haben früher in Deutschland gearbeitet, deshalb war ich schon öfter dort. Die Menschen sind so freundlich, alles ist sauber und ordentlich und so gut organisiert. Also, nein, es ist nicht nur ein Muss für mich, ich will das wirklich, aber ... na ja, wenn das hier anders wäre, dann würde ich wohl nicht weggehen.
Ellas: Hast du auch ein bisschen Angst vor dem Leben in Deutschland?
Dimitra: Angst nicht direkt, ich weiß ja, dass die Deutschen ein nettes und freundliches Volk sind. Aber, ... na ja, man hört so viel darüber, dass die Deutschen sauer sind auf uns, wegen der Staatskredite und so. Und ich kann auch sehr gut verstehen, wenn die Deutschen nicht so glücklich sind über alles, was in Griechenland passiert und vielleicht auch darüber, dass jetzt viele Griechen in ihr Land kommen. Ich hoffe aber doch, dass sie uns verstehen, es sind nicht alle Griechen verantwortlich für die Situation bei uns, und wir Jüngeren sehen einfach keine andere Möglichkeit mehr, als von Griechenland wegzugehen. Bitte schreib das auch in deinem Blog, es ist nicht wirklich unsere Wahl gewesen, das alles so wird wie es jetzt ist, uns wäre es anders schon auch lieber.
Ellas: Das verspreche ich dir, unser Gespräch wird Wort für Wort in den Blog übernommen. Dimitra, danke für das Gespräch. Ich wünsche dir sehr viel Erfolg beim Lernen, du schaffst das ganz sicher.
Dimitra: Danke, auch dafür, dass du mit mir geredet hast.
Persönlicher Kommentar:
Während des Gesprächs hat die junge Frau zwar sehr selbstsicher gewirkt, auch schien sie sich sich ganz ehrlich auf Deutschland zu freuen, nicht zuletzt, weil sie noch jung verheiratet ist und von ihrem Mann getrennt lebt. Dennoch entstand der Eindruck, dass sie sich auch schwer tut, von Griechenland wegzugehen, auf die Frage, ob Deutschland ein Muss oder ihre freie Wahl sei, antwortete sie nachdenklich und zögernd.
Es ist ja nicht das erste Mal in der Geschichte Griechenlands, dass die wirtschaftliche Situation insbesondere den jungen Menschen keine Perspektive mehr bietet, der Unterschied zu früheren, ähnlichen Situationen ist jedoch, dass sich die Griechen durchaus darüber im Klaren zu sein scheinen, dass sie im europäischen Ausland dieses Mal möglicherweise nicht ganz so gern gesehen werden.
Die klug ausgesäte, antigriechische Propaganda hat also schon zu keimen begonnen, und an dieser Stelle möchte ich meiner Hoffnung Ausdruck geben, dass sie nicht auch noch wächst und Früchte trägt. Denn nach wie vor dominiert in mir, die ich nun fast 13 Jahre in Griechenland lebe, der Gedanke, dass es uns als Völker dieser Europäischen Gemeinschaft darum gehen sollte, uns tatsächlich als Gemeinschaft zu empfinden - wir sitzen alle in einem Boot, und wer das noch nicht verinnerlicht hat, dem sei ans Herz gelegt, einmal in sich zu gehen und über die Propaganda hinauszusehen.
Nichts ist so wichtig wie die Bildung einer möglichst unabhängigen, von diversen Medien unberührten Meinung, und man sollte von der "Berichterstattung" eben solcher Medien, die zumeist Einzelfälle betreffen - und dabei nicht einmal unbedingt Kostas Normalverbraucher, sondern zumeist so genannte "Privilegierte" - nicht auf Verhalten und Charakter eines ganzen Volkes schließen.
Um Missverständnisse gleich im Vorfeld auszuschließen, sei hier noch einmal betont, dass dieser persönliche Kommentar nicht als Plädoyer für die Griechen verstanden werden will, er ist vielmehr ein Apell an uns alle, dieser so genannten Europäischen Union einen Sinn zu geben, der über die Interessen einiger weniger hinausgehen und nicht (nur) Wirtschaft und Politik betreffen sollte, sondern uns, und zwar als das, was wir in erster Linie sind:
MENSCHEN, und nicht nur Arbeiter, Steuerzahler, Wähler, Konsumenten, .....
Nach 34 Jahren Kreta, ich würde gerne helfen. Ich denke meine Frau, die gerade verreist ist auch. Also hier könnte eine Anlaufstelle sein. Gibt eh' zu wenig Griechen in Bremen, ist ja leider nicht München.
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