Vor einigen Wochen blieb mir
nichts Anderes übrig, das kleine Problemchen am linken Unterschenkel musste nun
mal endlich beseitigt werden. Zwei Jahre hatte ich mit Erfolg versucht, mich um
den kleinen operativen Eingriff zu drücken, jetzt aber war das so unerträglich
geworden, dass es nicht mehr ging. Nicht, dass ich Angst gehabt hätte, aber die
Tatsache, dass ich um die Einnahme eines Antibiotikum wohl nicht herumkäme,
hatte mich immer wieder abgehalten – ich hasse das Zeug!
Also, rein ins Auto und ins
Krankenhaus gefahren.
Es ist gegen 20 Uhr abends,
als ich in die Ambulanz geführt werde. Die Schwestern sind supernett, die junge
Ärztin kenne ich ja schon.
Die Ambulanz, … hmmm …
Diese Bezeichnung verliert
jegliche von mir gewohnte Bedeutung, als ich mich kurz umblicke:
-
Vier
Liegen, die durch Vorhänge optisch voneinander abgetrennt werden können. Die
zerschlissenen Überzüge, zum Teil aufgerissen, scheinen durch das „Krankenhaus-
Zewa-Wisch-und-weg“ hindurch.
-
Ein
großes Waschbecken, das an längst vergangene Zeiten erinnert, und bei dem klar
wird, das jeglicher Versuch, es zu reinigen, zwangsläufig scheitern muss.
-
Der
Wasserhahn über dem Waschbecken tropft leise vor sich hin, jedes Tröpfchen
bemüht sich, seinen Weg durch die dicke Kalkschicht zu bahnen.
-
Der
große Abfalleimer in der Ecke quillt über, zum Teil drapieren sich mit Blut
verschmierte Wundauflagen und Verbände fast schon künstlerisch um ihn herum.
-
Ein
uralter, kleiner Schreibtisch, in eine Ecke des großen Raumes hineingequetscht,
auf dem ein riesenhaftes Buch liegt. Hier wird jede einzelne Behandlung sowie
die Patientendaten per Hand eingetragen, wie ich später feststelle.
Der schreckliche Zustand, so
sagt man mir entschuldigend (wohl, weil ich Deutsche bin), rühre daher, dass
man seit Jahren mit zu wenig Personal arbeiten müsse. Außerdem kämen viele
Mitarbeiter per „Beziehungen“ zu ihrem Arbeitsplatz, und dann könne man sich
über deren Arbeitsmoral nicht beschweren, weil man sonst seinen eigenen
Arbeitsplatz in Gefahr bringe.
„Nett“, denke ich.
Man weist mir die Liege am
Fenster an. Ich setze mich darauf, nicht ohne vorher kontrolliert zu haben, ob
sie auch sauber ist. Ja, das ist sie.
Schuhe und Socken ausziehen,
der Chirurg kommt und begutachtet mein kleines Problemchen. „Keine Sache“,
meint er, „das haben wir gleich.“
Er weist die Schwester an,
das örtliche Betäubungsmittel Xylocain auf eine Spritze aufzuziehen, aber
„nicht zuviel davon, wir bekommen in der nächsten Zeit nichts und unser Vorrat
ist nicht so groß, wir brauchen ja noch was für die komplizierteren Fälle“.
„Na super“, denke ich, „hoffentlich
reicht die Dosis wenigstens, bis ihr mit mir fertig seid …“
Meine junge Ärztin kommt,
sie macht gerade ihre Spezialisierung und ich hatte mich einverstanden erklärt,
dass sie ihren ersten, ambulant-operativen Eingriff an mir vornehmen darf.
Unter der Anweisung des
Chirurgs spritzt sie rund um die Stelle, die entfernt werden soll, das
Betäubungsmittel. Während es zu wirken beginnt, erklärt er ihr, wo genau und
warum ausgerechnet dort sie die Einschnitte vornehmen soll. Interessant
irgendwie.
Sie lächelt mich an.
„Angst?“, fragt sie.
Nein, die hab ich eigentlich
nicht, ich vertraue den beiden wirklich.
Die Schwester schaut
interessiert zu, als die Ärztin unter den strengen Augen des Chirurgen den
ersten Einschnitt vornimmt. Ich übrigens auch, es geht ja schließlich um MEIN
Bein!
Sie schneidet und … „AUTSCH!
Hey, das tut ja extrem weh!“, entfährt es mir.
Der Chirurg gibt die
Anweisung, doch noch ein bisserl was von dem Xylocain an mir zu verschwenden –
ich werfe ihm einen dankbaren Blick zu.
Ich halte mich ja nicht
unbedingt für wehleidig, aber es ist dann doch unterhaltsamer, einen Western zu
sehen, in dem sich der mit Whiskey abgefüllte Held einfach mal so eine Kugel
rausschneiden lässt, als an sich selbst den Schnitt eines Messers zu fühlen.
Ich bin nun mal kein Held, tut mir leid!
Jetzt spüre ich nichts mehr.
Ich entspanne mich.
Das zu entfernende Gewebe
wird mit einer Pinzette hochgehoben und Schnitt für Schnitt mit einem Skalpell
abgelöst. Dass die so großzügig mit meinem Gewebe umgehen würden, hatte ich
nicht gedacht, da bleibt ein ziemlich tiefes und breitflächiges Loch.
Der Chirurg tupft immer
wieder Blut ab, viel fließt allerdings nicht. Gut so, denn er benutzt immer
wieder den gleichen Tupfer.
„Nein, ich brauche keinen
weiteren, der reicht, wir haben nicht mehr so viele davon,“ sagt er zur
fragenden Schwester, die mit einem steril verpackten Tupfer neben ihm steht.
Die Schwester wirft mir einen Blick zu. Täusche ich mich oder sehe ich in ihren
Augen so etwas wie ein nicht ausgesprochenes Bedauern? Vielleicht sogar Scham,
aber ich bin mir nicht sicher.
Ich lächle ihr mal
vorsichtshalber aufmunternd zu, sie kann ja auch nichts für die Zustände hier,
außerdem muss man das Zeugs ja nicht verschwenden, geht auch mit dem EINEN
Tupfer ganz gut, wie ich feststelle.
„Bring die runde Nadel“,
ordnet der Chirurg der Schwester an.
Er zeigt der Ärztin genau,
wie sie die große Wunde an meinem Bein nähen soll. Ich schaue interessiert zu,
obwohl mir beide sagen, ich solle besser wegsehen, sie befürchten, mir könne
schlecht werden. Wird mir aber nicht. „Na, ein kleines bisschen Held bin ich ja
vielleicht doch“, grinse ich in mich hinein, „und das sogar ohne Whiskey.“
Das Nähen beginnt.
Die Ärztin hat ihre liebe
Not dabei, denn meine Haut ist ziemlich hart an dieser Stelle, sie kann die
Nadel bei manchem Stich nur mit Gewalt durchbohren.
Neun Stiche werden es, ganz
schön heftig.
„Äh, sorry, dass ich frage,
aber ist das da eine Anglerschnur?“ frage ich, als mir auffällt, dass der blaue
Faden eindeutig aus Plastik ist.
„Eigentlich nicht“, grinst
mich der Chirurg an, „aber man kann ihn schon auch zum Angeln benutzen.“
„Normalerweise“, so sagt mir
die junge Ärztin, während sie sich gleichzeitig aufs Verknoten eines Stiches
konzentriert, „normalerweise benutzt man Silikonfäden oder Klammern, aber …“
Der Rest ist betretenes
Schweigen, aber ich hab schon kapiert.
Fertig.
Das Bein wird eingebunden,
nachdem alles mit Betadin abgerieben wurde, natürlich sparsam …
Ich frage noch, ob man nicht
mein Krankenbüchlein benötige, aber der Eingriff wird als Notfall in das große
Buch auf dem kleinen Schreibtisch eingetragen,
„… damit du die 5 Euro Eintritt
nicht bezahlen musst, wir finden das nicht okay, das ist verfassungswidrig und
unsozial.“, wird mir erklärt.
Für die nächsten 8 Tage soll
ich den Fuß nicht belasten und mit Krücken laufen, der Verband sollte in der
ersten Woche alle 2 – 3 Tage gewechselt werden, damit man sieht, wie sich alles
entwickelt, es sei ja doch ganz nett was weg geschnitten worden, sagt man mir.
Und ich solle mir keine Sorgen machen, die durchs Nähen aufgeplusterten Stellen
würden sich mit dem Ausheilen legen. Gut, dass ich von den Verbandspäckchen,
die mein Neffe organisiert hatte, ein paar selbst behalten hab, ich kann mir
den Verband also auch selbst wechslen.
Wann ich die Plastikfäden
rausbekomme, will ich wissen.
Ich HASSE Plastik, ich
benutze keine Plastiktüten und ekle mich vor jeglichen Tupper-Ware-Variationen,
egal, welch schöne Farbe die Teile auch haben mögen!
Nach der Information, dass
die Fäden auf jeden Fall drei Wochen meine ständigen Begleiter sein werden,
„Damit da nichts aufreißt“, verlässt mich der Mut.
DREI WOCHEN – na, das werden
wir doch sehen! Ich mache mir meine Salbe aus Sesamöl, Bienenwachs und
Kräutern, das zeig ich euch mal, wie schnell das verheilen wird, jawohl!
Keine 10 Minuten nach dem
Eingriff steige ich ins Auto. Ich habe etwa 35 Kilometer zu fahren, hoffentlich
…
Aber schon nach etwa 10
Kilometern lässt die Betäubung nach.
Verdammt noch mal, die waren
offensichtlich echt sparsam mit dem Xylocain, jetzt hab ich den Salat! Auf der
anderen Seite, … das wäre doch gelacht, wenn ich das nicht locker hinkriegen
würde, war ja nur eine Kleinigkeit, der Eingriff, das packst du schon!
Das Ganze ist jetzt über
sechs Wochen her, nach 20 Tagen wurden die Fäden gezogen, der Heilungsprozess
ist sehr flott abgelaufen (dank meiner Salbe, denke ich, eingebildet, wei ich bin), obwohl ich das
Antibiotikum wegen starker Magenschmerzen schon nach zwei Tagen hatte absetzen
müssen. Interessant, dass auch so alles ohne Entzündungen und so verheilt ist
…. Die angebrochene Packung habe ich in die Apotheke zurückgebracht, die geben
solche Medikamente an Patienten weiter, die kein Geld haben, um dafür zu
bezahlen.
Allerdings ist die Spannung
durch die große Wunde so stark gewesen, dass der harte Plastikfaden an einer
Stelle das Gewebe durchgerissen hat, aber das ist halt ein kleiner
Schönheitsfehler an der sonst sauberen, immer weniger sichtbaren Narbe.
FAZIT:
Immer wieder lese ich in
diversen Berichten und auch in Leserkommentaren, dass die geplanten
Einsparungen im Gesundheitssystem Griechenlands (das eigentlich gar kein System
ist und wohl auch niemals war) richtig und auf jeden Fall durchzuführen seien.
Ich bedanke mich recht
herzlich dafür, es ist ja immer gut, wenn andere Leute, die „ihren Hintern noch
(!) immer hübsch im Warmen haben“ (ich bitte um die etwas harte Formulierung
selbstverständlich in aller Form um Verzeihung), so gut beurteilen können, was
für jemand anderen erträglich und zumutbar ist.
Wobei ich eins einräumen
muss:
Bei mir handelte es sich nur
um einen kleinen Eingriff, und wenn ich auch kein Westernheld bin, so ist mir
doch einmal mehr klar geworden, dass die Philosophie „Schmerzvermeidung um
jeden Preis“ nicht die meine sein kann – weshalb ich auch keinerlei Tabletten
gegen die Wundschmerzen eingeworfen hab und … ja, ich lebe noch und es war kein
Problem so!
Allerdings denke ich an die
wahrhaft großen Gesundheitsprobleme:
Wenn ohnehin kaum mehr eine
normale, grundlegende Krankenhausausstattung vorhanden ist, WO UM HIMMELS
WILLEN SOLL DENN DANN NOCH EINGESPART WERDEN?!
Sollen also die Kostas und
Dimitras Normalverbraucher alle verrecken (wieder Verzeihung), um für die
Misswirtschaft in diesem Land aufzukommen?
IN EIGENER SACHE:
Abschließend erkläre ich an
Eides statt, dass jedes Wort in diesem Erfahrungsbericht wahr ist und der
Realität entspricht. Dass dieses Beispiel repräsentativ für ganz Griechenland
ist, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen,
ausgenommen werden sollen an dieser Stelle natürlich die Privatkliniken, die
sich der Normalverbraucher jedoch selbstverständlich nicht leisten kann, ebenso fehlen ihm die Beziehungen und das nötige Kleingeld, um ggf. einen "normalsterblichen" Arzt für eine möglicherweise bessere Versorgung bezahlen zu können.
Dass
sich an der tragischen Situation nichts ändern wird, ist mit derselben Sicherheit anzunehmen, man
kann eher noch mit einer Verschlimmerung der Situation rechnen.
Im Interesse der
MENSCHLICHKEIT, die zumindest in dem Rahmen praktiziert werden könnte, dass man
den Menschen hier nicht noch mehr „Sparmaßnahmen“ an Körper und Psyche wünscht,
erkläre ich mich nicht nur damit einverstanden, dass dieser Bericht Wort für
Wort verbreitet werden darf (gerne auch per copy-paste), ich bitte sogar darum.
Natürlich wird das nichts
verändern, und Mitleid wollen und brauchen wir hier nicht (!), aber es wäre
dennoch wünschenswert, wenn sich der MENSCH vor dem Be- und Verurteilen seiner
MITmenschen ein paar eigene Gedanken machen würde.
Außerdem: Wenn es dann auch
in anderen Euroländern zum „Sparen im Gesundheitssystem“ kommen wird (was auch
mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist!), dann hat
jeder schon mal eine kleine Vorstellung davon, wie schön das ist, und niemand
kann mehr sagen
„Davon, wie schlimm das dort
ist, hatte ich ja gar keine Ahnung!“,
wobei
es hier gar keine Rolle spielt, um welches Land es sich handelt!
Anliegen, Form und Inhalt dieses Blogs gefallen mir sehr gut: bisher habe ich nur den größten Teil der Beiträge vom Juni geschafft, werde aber weiter am Ball bleiben.
AntwortenLöschenInteressantes zum Thema Griechenland gibt es auch hier:
https://www.freitag.de/autoren/ideefix/das-gespenst-s-y-r-i-z-a-eine-begegnung
Danke für den Bericht.
AntwortenLöschenDas Problem an der Sache ist, es gibt noch genug Dumpfbacken, die das nicht wahrhaben wollen.
AntwortenLöschenFür denen gilt dann eher die Bild-Zeitung und Co. oder das Fernsehehn.
Wenn sich etwas verändern soll, dann müssen diese Leute endlich mal ihren gesunden Menschenverstand einschalten, anstatt das zu glauben, was in den Mainstreammedien propagiert wird.
Ich bedanke mich für diesen Artikel. Es ist wirklich eine Schande, was zur Zeit im Euro-Raum passiert, speziell in Griechenland. Und wer drängt auf noch schärferem Sparkurs? Merkel, Schäuble und das andere Gesindel, was sich Vertreter des Volkes nennen lässt, allerdings nur vor den Wahlen. Nach den Wahlen sind es die Finanzoligarchen, deren Interessen ausschließlich befriedigt werden. Bankenrettungen, Steuerentlastungen für Besserverdienende gegenüber Lohnsenkungen, Rentenkürzungen, Kürzungen im Bildungs- und Gesundheitswesen (gilt nicht für die Pharmaindustrie, für die wird schon gesorgt), Hartz4 usw. Eine menschenverachtene Politik hat sich in Europa kristalliesiert, es ist unfassbar.
AntwortenLöschenJetzt haben diese Verbrecher, dazu zählen für mich in erster Linie Hr. Schäuble und Fr. Merkel, sowie (fast) alle Abgeordneten im Bundestag, die sich dazu entschlossen, einen Putsch (ESM und Fiscalpackt) gegen unser Grundgesetz zu führen und die Masse guckt Fussball. Normalerweise geht eine Revolution vom Volk aus. Diesmal nicht. Diejenigen, also unsere "gewählten" Parlamentarierer, die einen Eid auf unser Grundgesetz geleistet haben, zum Wohle des deutschen Volkes, hebeln dieses jetzt aus.
Wenn das funktioniert, werden die Menschen in Europa es sehr schwer haben, auch die Normalbürger in Deutschland. Noch haben wir hier unsere Iphones, Breitbandbildschirme, um Dieter Bohlen, Tagesschau, Heutejournal und Dschungelcamp zu gucken (Alle aufgeführten Sendungen sind für mich gleichwertig wertlos), doch es wird sich ändern. Wie schnell, wissen nur diejenigen, dessen Ziel seit Jahren ist: Die absolute Kontrolle über die Menschen und Ressourcen in Europa und auf der ganzen Erde an sich zu reissen. Die Versklavung, Verarmung und Verdummung der Massen findet schon seit jahrzenten erfolgreich statt. Die Umverteilung aller Güter (Geld, Besitz) von arm nach reich macht immer größere Fortschritte.
Falls mein Ton zu hart sein sollte, bitte ich um Entschuldigung. Doch bei gewissen Menschen, die jede Moralität und jedes Ehrgefühl verloren haben, habe ich nur ein Wort: Gesindel
Grichenland ist ein Experiment der auf ganz Europa ausgebreitet wird. Dan werden die Dummschwetzer geschockt sein, davor grauts mir schon jetzt.
AntwortenLöschenIch danke für den Bericht, er ist mir sehr unter die Haut gegangen.